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Gedanken von Pfarrer Peter Demmelmair, Berchtesgaden


Es gibt Worte, die erst nach längerem Nachdenken eine erstaunliche Perspektive in die Kultur und Religionsgeschichte der Völker öffnen. Das Wort „Gewand“ bzw. „Kleid“ hatte bereits am Morgen der Menschheit eine kaum bekannte Bedeutung. Es wölbt sich wie ein gewaltiger Bogen über die gesamte Menschheitsgeschichte bis hinein in die himmlische Herrlichkeit.
Gewiss öffnet das Thema „Gewand“ ein breites und durchaus interessantes Spektrum bis hin zur Tracht, zur Berufskleidung, zum Ordensgewand. Hier soll nur die biblisch-religiöse Spur des Gewandes aufgezeigt werden.

Am Morgen der Menschheitsgeschichte
Im Kleid wird eine Erinnerung festgehalten, die in den ersten Kapiteln des Alten Testaments in einer äußerst verdichteten und ruhig dahin fließenden Sprache wiedergegeben wird: Die Folgen der Ursünde.
In einer grandiosen Bildersprache wird von den Folgen der Ursünde geredet, die weit mehr ist, als das Essen des paradiesischen Apfels. Die Menschen erkannten, dass sie nackt waren.
„Gott, der Herr, machte Adam und seiner Frau Röcke aus Fellen und bekleidete sie“ (Gen 3,21). Der sündige Mensch ist mehr umhüllt und „eingekleidet“ von der Güte und Herrlichkeit Gottes. Ohne das Gewand der Gnade steht er nackt da und kann zum Ärgernis werden. Wenn nach dem biblischen Bericht Gott gleichsam als erster Schneidermeister der Weltgeschichte beschrieben wird, so will „das Bekleiden“ der sündigen Menschen ein erstes Zeichen der ungebrochenen Liebe und Barmherzigkeit Gottes sein. Die „Röcke aus Fellen“ (Gen 3,21) sind zeichenhaft zu deuten als Angebot der Hilfe wie der Zukunftshoffnung.

Das hochzeitliche Gewand
In seinen Reden und Gleichnissen spricht Jesus wiederholt vom „hochzeitlichen Gewand“ (Mt 22,11), meist im Zusammenhang mit dem Hochzeitsmahl. Im Volk Israel ist damals und heute die Feier der Hochzeit ein festliches Ereignis, auf das der gesamte Clan sich vorbereitet. Schicke Kleidung und ausgefallene Geschenke hat man gekauft. In der Liturgie der Kirche hat das Kleid von der Wiege bis zur Bahre eine tiefe, sich entfaltende Symbolik.

Taufkleid: „…das weiße Kleid soll Zeichen dafür sein, dass du in der Taufe neugeboren worden bist und – wie es die Schrift sagt – Christus angezogen hast“.
Hochzeitskleid: ein Zeichen der festlichen Freude, ein Zeichen des Dankes für den rechten Partner wie ein Unterpfand der Treue „bis der  Tod uns scheidet“.
Totenkleid: Der Volksmund sagt: Das Totenhemd hat keine Taschen. Niemand kann die Reichtümer dieser Welt in die Ewigkeit mitnehmen. Im Sekundengericht steht die Frage: Wie habe ich auf die Freundschaft Jesu geantwortet?

Der ungeteilte Rock
Die Stoffreliquie von Trier (der Rock Christi), das Grabtuch von Turin oder auch das Schweißtuch der Heiligen Veronika erfreuen sich durch alle Zeiten hindurch großer Verehrung. Trotzdem muss auch der Gläubige aufpassen, dass er nicht im Stofflichen, Materiell-Vordergründigen hängen bleibt. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, schrieb Antoine de Saint-Exupery so treffend in seinem Werk „Der kleine  Prinz“.
Nur dem gläubigen Herzen, das hinter das fassbar Stoffliche hindurchblickt, öffnet sich das Mysterium. So können uns diese Tuchreliquien eine Glaubenshilfe (nicht Beweis!) sein, die den leidenden und gekreuzigten Jesus für unsere Augen „durchsichtig“ werden lassen. Wer diesen „Durchblick“ auf das Heilszeichen des Kreuzes, letztlich auf das Du des erniedrigten Gottmenschen in seiner Selbsthingabe (Kenosis) nicht hat, befindet sich in der Diesseitsfalle.
Seit dem 3. JahrhuNdert ist der ungenähte und ungeteilte Rock Christi (Joh 19,23) Symbol der Einheit der Kirche. Er kann auch gerade heute Impulszeichen echter ökumenischer Unruhe und Sorge sein.

Das weiße Gewand
Das Taufkleid, das Erstkommunionkleid, das Ministrantengewand, das Hochzeitsgewand, die Albe (Untergewand des Priesters oder Diakons) verweisen auf die Nähe zu Christus. In der Taufe ziehen wir zeichenhaft das Taufkleid an, das „Gewand der Liebe“. Das Wichtigste dabei ist, dass die unverbrüchliche Treue Gottes symbolisch zum Ausdruck kommt. Gott ist treu und was immer auch kommen mag im Leben, Gott lässt uns nicht fallen, zieht seine Hand, seine Zusage, seine Liebe nie zurück. Das weiße Kleid, das uns an Reinheit, Unbeflecktheit und Schönheit erinnert, wird uns gnadenhaft von Gott geschenkt. Nie nimmt er uns dieses wieder weg. Unzerstörbar, unzerbrechlich ist seine Treue und Güte. Darum lässt Jesus den barmherzigen Vater, als dieser seinem verlorenen Sohn wieder begegnet Sagen: Gebt ihm ein neues Gewand, den Ring, Schuhe…und schlachtet das Mastkalb (Lk.15). Mit Gewand und Ring wird bis auf dem heutigen Tag die Zugehörigkeit sichtbar ausgedrückt.

Unsere Tracht
Gerade durch unsere Tracht drückt sich Zugehörigkeit aus. Mit der Tracht drücke ich aus, woher ich komme, wo mein „Heimgarten“ das heißt meine Heimat ist, wo meine Wurzeln sind, was mich auch heute prägt und trägt. Die Tracht hat wie die Sprache sehr, sehr viel mit Geborgenheit und Beheimatung, also mit Nähe zu meinem Ursprung zu tun. Und diese Verbindungslinie zu Ursprung und Schöpfung zeigt sich in unserer Tracht an den schönen, der Erde verbundenen, gedämpften Farben. Unsere Tracht ist eine Tracht, die immer die Materialien und Farben der Natur aufgenommen hat. Das Rot, das Grün, das Braun, das Blau in der Tracht ist nie grell oder krachend. Die Farben unserer Gewänder gleichen vielmehr unseren heimischen Feldern, Äckern, Wäldern, Seen, Bergen und Wiesen.
Und so wie das Licht eines einzigen Tages vom Morgen bis zum Abend unterschiedlich ist, wie das Frühjahrslicht so anders als das Herbstlicht ist, so ist es auch bei der Tracht in den Dörfern unserer Chiemgauer Heimat. Jedes mal eine Nuance anders, feiner, unterschiedener Frauen und Männern, beiden ist gemeinsam das weiße Hemd bzw. Bluse – die weiße „Pfoad“. Sie erinnert einen jeden von uns, dass wir Getaufte, Geliebte und Erlöste sind. Sie drückt Vornehmheit und Sauberkeit aus. Sie lässt das Gesicht erstrahlen und erinnert uns immer wieder daran: Vergesst nie, dass ihr Königskinder seid!