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von Otto Dufter jun., Unterwössen


Hochzeitsgesellschaft in Oberwössen um 1910

Die Entwicklung der Tracht vor und nach der Gründung der Trachtenvereine ist gänzlich verschieden!
Vor der Gründung der Trachtenvereine und dem Einsetzen der „Trachtenbewegung“ in Bayern war die Tracht neben den Bekleidungsregeln der Stände vielfältigen Einflüssen und Veränderungen unterworfen. Außerdem waren gesellschaftliche Herkunft, Beruf, wirtschaftliche Situation und persönlicher Geschmack des Trägers für Form und Gestaltung ihres „G´wands“ ausschlaggebend gewesen.
Die Idee einer Tracht im Sinne von Kleidung einer bestimmten Bevölkerungsschicht ist erst um 1800 entstanden. Beeinflusst ist diese Idee sicher durch die Ideen Jean-Jacques Rousseaus - „Zurück zur Natur“ - und die „Entdeckung“ des gemeinen Volkes durch Herrscher, Bürger und Intellektuelle.
Mit Gründung der Trachtenvereine Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Tracht zu einem Vereinszweck! Da sich Vereine nach Außen geschlossen präsentieren wollen, um attraktiv für mögliche Mitglieder zu sein, wurden Regeln für die Vereinstrachten aufgestellt, die dann natürlich auch im jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Rahmen gesehen werden müssen.
Tracht ist nun nicht mehr nur Ausdruck des Standes und der Person, sondern Zeichen für die Zugehörigkeit zu einem Verein! Eine aussagekräftige Trachtengeschichte muss deshalb ebenfalls im jeweiligen geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext gesehen werden.
Dies gilt auch für den regionalen Dachverband der Trachtenverein, dem „Gau“, der mit seinen „Regeln“ das Bild der Tracht allgemein und im Detail beeinflusst.

Im § 2 der Satzung des Chiemgau-Alpenver-bandes wird die „Förderung, Pflege, Erhaltung und Verbreitung der bodenständigen Trachten“ als Verbandszweck genannt.

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Tracht und Trachtenpflege Seite 1 von 23


Sennerinnen Röthelmoos um 1910

Selbst der verstorbene Ehrenvorsitzende des Bayerischen Trachtenverbandes, Hans Zapf, hat den Trachtlern Nachholbedarf bei der Beschäftigung mit ihren historischen Wurzeln bescheinigt:

„Die Mitglieder der Trachtenvereine haben nie viel nach dem „Warum“ gefragt. …Weil´s so der Brauch ist, kann man höchstens hören, wenn man die Frage stellt“.
(
„Bayerisch Land - bayerisch Gwand“ S. 10)

Um fundierte Aussagen über Fragen bezüglich der Tracht treffen zu können ist eine Beschäftigung mit deren Geschichte aber unerlässlich.

Die Entwicklung einer neuen Sicht der Alpen als Grundlage für die Entstehung des Begriffs der Tracht

Unsere heutige Sicht der Alpen mit ihren Kulturen und Traditionen ist erst mit der industriellen Revolution entstanden. Die Beziehung Mensch - Umwelt, Kultur - Natur, Stadt - Land, Arbeit - Freizeit sind dabei wichtige Aspekte bei der Entstehung des Bildes, welches auch die Sicht auf Tracht und Brauchtum prägt.
Ausgehend von England in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren mit zeitlicher Verzögerung ganz Europa und die USA von tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen betroffen. In Deutschland ist die industrielle Umgestaltung der Arbeits- und Sozialordnung erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu verzeichnen, hat aber hier ebenfalls gravierende Auswirkung auf das Leben der Stadt- und Landbevölkerung. Die Intensivierung der Landwirtschaft und als deren Folge die Auflösung der alten bäuerlichen Strukturen führen zu Landflucht und Auswanderung in die „Neue Welt“.

Mit der industriellen Revolution ändert sich auch die ästhetische Wahrnehmung der Alpen, die jetzt nicht mehr als Gefahr und wilder Lebensraum gesehen werden! Eine neue, romantische Alpensicht entsteht dabei nicht in den Alpen selbst, wo die Bauern und die übrige Bevölkerung das Gebirge eher als Bedrohung und zu ertragendes Übel ansehen, sondern in den Gebieten außerhalb der Alpen. Hauptsächlich Intellektuelle, Künstler und Bürgern schaffen dieses neue, romantische Bild der Alpen.
Erste Touristen aus England, dann ab 1880 auch aus kontinental-europäischen Industriestädten prägen das neue Menschenbild der Gebirgsbewohner: glücklich, frei und einfach.


Der wirtschaftliche und kulturelle Wandel im 19. Jahrhundert
Durch Industrialisierung und Ausbau des Dienstleistungssektors zerfallen in Europa lokale Gemeinschaften mit bis dahin ausgeprägten regionalen Identitäten.
Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften sind im allgemeinen gekennzeichnet durch die Fixierung auf den maximalen persönlichen Vorteil und meist auch auf kurzfristigem Denken.
Bauerngesellschaften dagegen basieren auf langfristigem, nachhaltigem Denken. Das Wohl von Familie und Hof sind stets wichtiger als persönliche Interessen der Mitglieder einer Hofgemeinschaft. Durch die Ablösung der Agrargesellschaft durch die Dienstleistungs- und Industriegesellschaft sind natürlich auch alte Lebensformen und Traditionen unwichtig geworden und meist auch verschwunden.


Wirtshausszene Oberwössen vor I. Weltkrieg

Das im deutschen Sprachraum, im Gegensatz zum Gemeindesystem im romanischen Sprachraum, vorherrschende Hofsystem stellt die Erhaltung des Hofes in das Zentrum der Bemühungen.

Beide Kultursysteme haben dieselbe Aufgabe: die kulturelle und soziale Kontrolle umweltgerechten Wirtschaftens! Einzelne Personen sind deshalb stark in Strukturen, Familie, Hof und Gemeinde eingebunden.

Die Alpen bleiben durch die längere Erhaltung der bäuerlichen Struktur im Gegensatz zum flachen Land und zu den Städten dazu lange Zeit ein kultureller Beharrungsraum!

Dieser Umstand ist im Alpenraum natürlich sehr unterschiedlich ausgeprägt, aber der Gegensatz zwischen traditionellen und modernen Werten tritt hier meist sehr scharf zu Tage. So treffen in Tourismusgebieten Urlauber aus aller Welt – oft auch aus großen Städten und Metropolen – auf eine lange Zeit bäuerlich geprägte Bevölkerung.
Die Haltung der Bevölkerung schwankt dabei zwischen den beiden Extremen Erstarrung, d.h. die Verweigerung der Modernisierung und Verdrängung mit einer forcierten Modernisierung und der schroffen Ablehnung traditioneller Werte, um der modernen Welt voll und ganz gerecht werden zu können. Viele Bauern im 19. Jahrhundert wollten modern sein und nicht als rückständig gelten!


Christoph Stein, Daxer vom Samerberg, Landgericht Rosenheim, 1810

Die Neuerfindung der Alpentradition durch die moderne Gesellschaft

Regionalkulturen spielen unter anderem wegen der Einmaligkeit der Landschaftswahrnehmung hauptsächlich in den Alpen eine so große Rolle. „Alpenkultur“, Traditionen, Feste, Brauchtumsveranstaltungen, die als „typisch alpenländisch“ gelten, sind vor allem ein Phänomen der Alpen und des Gebirges. Es gibt zwar auch außerhalb der Alpen Traditionen, Bräuche und regionale Besonderheiten, eine so herausragende Rolle bekommen sie aber nur in den Alpengebieten.
Die Alpenkultur und -traditionen sind dabei meist Erfindungen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg! Im Agrar- und Ständestaat bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Bevölkerung Teil eines starren gesellschaftlichen Systems, welches allenfalls größere kirchliche und herrschaftliche Feste zuließ.
Erst nach der Abschaffung des Ständestaates mit Einführung der Versammlungs- und Vereinsfreiheit entwickelten sich Schaubräuche, wie Festzüge und Schützenfeste, welche in der früheren Agrargesellschaft keine Rolle gespielt hatten, da vorher alle Angehörige dieser Agrargesellschaft waren.

Begriffe wie echt, authentisch, rein werden erst ab dieser Zeit für diese Phänomene gebräuchlich. Führend bei der Bewertung der Traditionen sind dabei Kulturbeauftragte, Journalisten, Politiker und Wissenschaftler.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bilden sich dann verstärkt Trachten-, Schützen und Brauchtumsvereine, da die öffentliche Anerkennung von der Erfüllung kultureller Normen abhängt.

Die Neuregelung der Regional- oder Volkskulturen im Alpenraum geschieht also nicht aus sich heraus, sondern ist vor dem Hintergrund der entstehenden Industriegesellschaft zu verstehen: Heimatschutz- und Naturschutzbewegung entstehen, um „ursprüngliche Volkskultur“ vor der Zerstörung durch die neuen Werte und Verhaltensweisen der Industriegesellschaft zu schützen. Der tatsächliche oder die Angst vor Verlust der geistigen und konkreten Heimat macht große Teile der Bevölkerung sensibel für ihre regionale Kultur.

Der Begriff Tracht

In der Bevölkerung existieren viele unterschiedliche und vage Vorstellungen, was Tracht ist. Trachtenvereine haben im Laufe ihrer Geschichte die (Vereins-) Tracht in Form und Funktion dagegen meist bis ins Detail festgelegt.

Der Begriff „Tracht“ entzieht sich dabei durch seine vielfache Verwendung einer eindeutigen Festlegung.

Sicher ist, dass durch die Jahrhunderte hinweg mit Tracht erst einmal die Bekleidung, also das Getragene generell gemeint war. Sie konnte dabei auch Kleidungskodex einer bestimmten Gruppe sein, wie als Ständetracht und Tracht der Zünfte.

Bis heute tief verwurzelt ist der Gedanke, dass sich die Tracht aus dem bäuerlichen Gewand der frühen Jahrhunderte entwickelt hat. Dabei wird oft vergessen, dass die bäuerliche oder regionale Tracht in der Regel aus der höfischen und städtischen Mode entlehnt ist. Zeitlich verzögert und in meist vereinfachter Form sind die modernen, städtischen Schnitte oder Stoffe von der Landbevölkerung übernommen und dem eigenen ästhetischen Empfinden entsprechend weiterentwickelt worden.

Parallel zur städtischen Mode haben sich auf dem Land Trachtengewänder herausgebildet, die sich nicht dem schnellen Wechsel unterwerfen und ältere Modeströmungen weiterführen. Zeitlich verzögert sind auch Details der Mode aufgenommen worden. Die Tracht hat so im Laufe der Zeit eine eigene Formenvielfalt entwickelt.


Bauer aus dem Achental“ um 1890

Um 1800 entsteht das Bild der Tracht, wie wir es heute kennen! Gelehrte und Künstler entdecken das Landvolk und ihre Trachten. Die Gemälde, Stiche und Zeichnungen von Künstlern wie Ludwig Neureuther, Felix Joseph von Lipowsky und Lorenz Quaglio prägen das Bild von Land und Leuten und sind Vorbild für ein wachsendes Klischee.

Das gleichzeitig dazu entstehende bayerische Nationalgefühl - vor allem nach Verleihung des Königstitels 1806 an die Wittelsbacher durch Napoleon – begünstigt die Entstehung der besonderen Form der bayerischen Selbstdarstellung. Im nach den napoleonischen Befreiungskriegen folgenden Biedermeier war das Interesse an oberbayerischer Tracht so groß, dass man sie nicht nur bewundert, man übernimmt sie sogar! Selbst Mitglieder des Hauses Wittelsbach trugen bei verschiedenen Anlässen Tracht und leisteten einen großen Beitrag zu deren Verbreitung.

Der Begriff Tracht wird dabei erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts in unserem heutigen Sinne gebraucht, vorher war er auch im Sprachgebrauch des Landvolkes nicht geläufig.

„Tracht“ war bis um 1800 Synonym für die Kleidung und Standeskleidung. Im 19. Jahrhundert begann sich der Begriff zu wandeln und bezog sich auf regional begrenzte und typische Kleidungsweisen. In der Gründerzeit, um 1900, war dann der Begriff Tracht auf „exotische“ Kleidung von Alpenbewohnern eingeschränkt.

Mit der Gründung der Trachtenvereine ab 1883 bildeten sich neben der allgemeinen Entwicklung der Tracht im Laufe der Vereinstrachten heraus, wie wir sie noch heute kennen.

Gesellschaftliche Entwicklung vor 1883 und deren Einfluss auf die Gründung des ersten Trachtenvereins

Hans Zapf schreibt in seiner Einführung zum Buch „Bayerisch Land – bayerisch Gwand“:

„Eigentlich müsste man hier auf die Entstehung und Fortentwicklung der Trachten vor dem Jahr 1883 eingehen. Für ganz Bayern wäre dies ein umfassendes großes Forschungswerk.“


Prinzregent Luitpold in Jagdkleidung, um 1870

Hans Zapf hat in diesem Vorwort erkannt, dass die Veränderung und Entwicklung zum Wesen der Tracht gehören, dabei aber die damalige Trachtenerneuerung als gescheitert angesehen. Wichtig ist seine Einsicht, dass zum Verständnis des Phänomens Tracht die Kenntnis der Trachtengeschichte vor der Gründung der Trachtenvereine unabdinglich ist.

Die Zeit vor der Gründung des ersten Trachtenvereins ist wichtig für das Verständnis des großen Erfolges, welchen die Trachtenvereine bei der Pflege der Tracht zu verzeichnen hatten und haben. Die Pflege einer Tracht als Vereinszweck war eine bis dahin unbekannt Idee, die nicht ohne die regionale Situation zu verstehen ist, die Lehrer Vogel bei der Gründung des 1. Trachtenvereins vorfand:

Nährboden für dieses Phänomen ist eine bäuerlich geprägte Gesellschaft, wie sie im 19. Jahr-hundert noch die Regel war. Diese fördert ein nachhaltiges Wirtschaften mit sozialen und kulturellen Werten, Traditionen und Strukturen: Die Lebensgrundlagen müssen in einer bäuerlich geprägten Struktur über eine lange Zeit erhalten werden, was zu einer nachhaltigen Lebensweise führt. Bauerngesellschaften sind nicht mobil, was mit zur Fixierung auf ihr regionales Umfeld beiträgt.

Dies erklärt aber auch die sehr traditionsbewusste Haltung vieler Gebirgsbewohner. Für den Bauernstand war das Tragen der Tracht im 17. und 18. Jahrhundert keineswegs frei. Jeder war an die ständische Kleiderordnung gebunden.

Wie auf vielen Gemälden und Stichen aus dieser Zeit zu beobachten, sind die Bauerntrachten zu Beginn des 19. Jahrhunderts bunt und vielfältig. Diese Formen der Tracht leben in den heutigen „historischen“ Trachten einiger Trachtenvereine weiter fort.

Der politische und soziale Umbruch in der Mitte des 19. Jahrhunderts ändert auch die Wahrnehmung der „Tracht“ der Bevölkerung:

Das Revolutionsjahr 1848 mit der Abdankung Ludwigs I. brachte einige Reformen, wie Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Abschaffung der Grundherrschaft und der Patrimonialgerichtsbarkeit (Gerichtsbarkeit durch den Grundherren). Der Grundherr verliert seine herausragende Position in der Sozialverantwortung als Gerichtsherr und seine politische Stellung. Die Bauern waren jetzt frei, was sich aber nicht nur positiv auswirkte. Die Bauern bekommen jetzt Privateigentum, müssen aber auch Steuern zahlen und mit der Landwirtschaft im Flachland konkurrieren. Dies führte oft zu Verschuldung und Verkauf des Besitzes!

Ab 1880 dringt die Industriegesellschaft direkt in die Alpen ein! Eisenbahnbau, Betriebe und Tourismus erobern das Alpenland.

Zeitgleich kommt es aber zum Zusammenbruch von vorindustriellem Bergbau, Saumverkehr, traditionellem ländlichem Handwerk (Industrieprodukte waren billiger) und traditionellem Gewerbe. Berufe wie Müller, Seiler, Wagner wurden von der billigeren Industrie verdrängt. Die traditionelle Landwirtschaft wird entwertet – die ertragsärmsten Flächen werden aus der Nutzung genommen. Die traditionelle Landwirtschaft in den Alpen muss sich der zunehmend industriellen Konkurrenz des Flachlandes stellen und hat dabei einen schweren Stand. Der Alpenraum wird so teilweise als Wirtschaftsraum entwertet und als Lebensraum unattraktiver!
Dies bedeutet weniger Arbeit für die Bevölkerung und es kommt zu einer Wanderungsbewegung hinein in die Städte. Dienstboten und weichende Erben, Knechte und Mägde suchen dort ihr Auskommen. Viele Trachtenvereinsgründungen Ende des 19. Jahrhunderts waren in den Städten zu verzeichnen. Die Tracht wurde zum Identifikationsmittel und zum Symbol für eine Struktur, die eigentlich durch die gesellschaftliche Entwicklung zerstört oder zumindest gefährdet wurde. Reale und die Angst vor Verlust der eigenen Identität spielten hier auch eine Rolle.
Eine Aufwertung des Gebirges (und als Folge davon auch der Tracht ) aus Sicht der städtischen Bevölkerung als intaktem Lebensraum wird auch durch den Tourismus begünstigt. Voraussetzung dafür ist die Alpenbegeisterung der Touristen und Städter.
Hinzu kommt, dass das Bayerische Königshaus stets ein Förderer der Tracht war. Motive waren hier sicher auch die Schaffung eines Bayerischen Nationalgefühls bei der Bevölkerung und die Bindung der Bevölkerung an das Königshaus. Ludwig I. ließ 1835 zu seiner Silberhochzeit und zur Hochzeit seines Sohnes Max 1842 Festzüge mit Trachten, vornehmlich aus dem Gebirge, veranstalten. In dem Brautzug von 1842 waren 35 Brautpaare in ihren heimischen Tracht zu bestaunen, die alle ihre eigene Hochzeitsgesellschaft mitbringen mussten. Dieser Hochzeitszug war aber auch schon Anlass, bereits vergessene und abgelegte Trachten wiederzubeleben.
Das so geschaffene Bild war für Königshaus und jungem Nationalstaat wichtiges Instrument für die Außenwirkung des jungen Königreiches.

König Max II in einem Schreiben am 9. 11. 1849 an seinen Innenminister: „Es ist von großer Wichtigkeit, auch in Bayern das Nationalgefühl des Volkes zu heben und zu kräftigen“. Der Übergang vom Stände- zum Nationalstaat wurde so von „oben“ bewusst beeinflusst.

Folgender Aufruf von König Max II erging 1853 an Lehrer und Geistliche: „Seine Majestät der König, Allerhöchste Welchem die Erhaltung der Verschiedenen, in den einzelnen Theilen des Königreichs herkömmlichen Trachten der städtischen, wie insbesondere der ländlichen Bevölkerung namentlich in Berücksichtigung ihrer Zweckdienlichkeit zur Festigung des Nationalgefühls als sehr wünschenswert bezeichnet worden ist, haben allergnädigst zu befehlen geruht, dass unter Vorlage von Zeichnungen über solche herkömmliche, fortan noch als zweckmäßig erscheinenden Landestrachten, die angemessensten Wege zur Erreichung dieses Zweckes beantragt werden sollen“.

Die Tracht wurde also von den Herrschern als Identifikationsmittel für ihre Untertanen gesehen und dementsprechend gefördert. Teile des Adels trägt bei der Jagd und darüber hinaus die Lederhose um zur Hebung des Selbstbewusstseins der Landbevölkerung beizutragen.


Jäger, Miesbach, um 1865

Dieses Tragen des „jagerischen Gwand´s“, gemeint war vor allem die Lederhose) entwickelt sich zur Lebensanschauung. Dies übernehmen auch Persönlichkeiten wie Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer. „Pantalons“, lange Hosen aus Frankreich, waren dagegen die bürgerliche Modekleidung. All dies rief bei der Teilen der Landbevölkerung ein neues Selbstbewusstsein, eine Wertschätzung der eigenen Kleidung hervor, die sie veranlasste, diese zu bewahren.

Die Tracht vor 1883

Im Folgenden werden nur die wichtigsten Bestandteile der Tracht, deren Ursprung und Entwicklung kurz behandelt. Vor Gründung der Trachtenvereine war die Tracht in ihren Ausprägungen nicht reglementiert und vielfach beeinflusst.

Kurze Lederhose – Miesbacher Joppe

Hosen aus Leder, die kurze Lederhose, die Kniebundhose und die lange Form der Lederhose waren in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts gebräuchliche Kleidungsstücke, wobei die kurze Lederhose früheren Abbildungen zu Folge nur im bayerischen Alpenraum verbreitet war.

Die kurze Lederhose in der Form, in der wir sie kennen, gibt es seit etwa 1800 und war vor allem Kleidung der Jäger und Holzarbeiter.

Aus Graphiken zu dieser Zeit ist sie mit und ohne Verzierung abgebildet, wobei die Verzierung aus ineinander verschlungenen Mustern besteht. Sie bleibt bis etwa 1860 im Alpenraum gebräuchlich und erfährt durch die ersten Trachtenvereine in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts wieder einen Aufschwung. Bis in die Zeit der Gründung der Trachtenvereine dominiert bei den kurzen Lederhosen die Reliefstickerei, wie wir sie heute noch bei den Bundhosen sehen können. Die Trachtenvereine waren wahrscheinlich maßgeblich an der Verbreitung der plakativen und auffälligeren Plattstickerei Ende des 19. Jahrhunderts beteiligt. Dies ging einher mit der Veränderung bei den Mustern: Die Reliefstickerei kannte hauptsächlich abstrakte Blatt- und Blütenmuster oder Tierdarstellungen. Die Plattstickerei verwendet nun Gams, Adler, Hirsch und vor allem Eichen- und Weinlaub.
Die Kniebundhose hält sich nur bis etwa 1820/ 30 in der Stadt und ist etwa 30 Jahre später auch auf dem Land verschwunden. Sie wird erst nach dem II. Weltkrieg als Alternative zur kurzen Lederhose wieder getragen. Die erste Bundlederhose im Chiemgau dürfte im Besitz der Familie Anner aus Aschau sein.
Die lange Lederhose etabliert sich auf dem Land ab etwa 1840 und gilt als festliches Kleidungsstück, welches sich nur vermögende Männer leisten konnten. Sie ist im gesamten Bayerischen Raum verbreitet und wird gegen 1900 überall von Stoffhosen verdrängt.
Anfang des 19. Jahrhunderts ist der Einfluss der Tracht der Tiroler Holzarbeiter sehr deutlich zu sehen. Sie ist wohl unter den Einfluss der Tiroler Holzarbeiter („duxerisch Gwand“) und der Zillertaler Öltrager und Hausierer, die in ganz Deutschland bekannt waren. Auch die Joppen, Hüte und übrigen Trachtenteile standen unter diesem Einfluss. Am deutlichsten hat Felix Dahn diese Wechselwirkung erkannt und in der „Bavaria“, Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern, erschienen 1860, dargelegt:

„Ungefähr seit 1820 begannen ledige Burschen und Knechte daselbst die uralte Tracht der tyrolischen Holzarbeiter, die neben ihnen in Arbeit standen, nachzuahmen, insbesondere das alte Lodenhemd, von ihnen Juppe oder Joppe genannt, in seiner ächten Form ohne Kragen, vorne offen und glatt, ohneKopf und Knopfloch, am Rücken mit der Handlang zusammengenähten Gegenfalte, mit Ärmeln ohne Aufschlägen; der Stoff wie der des Zillerthalerhemdes von Loden oder grauem Tuch, am Halse und an der Brust mit einem 2 Zoll breiten Tuchstreifen. Zu diesem Oberkleid gehörte dann ein schwarzer Flor um den Hals, grüne Hosenträger, eine gestickte Leibbinde um die Hüften, kurze, zierlich ausgenähte Lederhosen bis an´s Knie, an das sich Beinhöseln oder Lofeln schlossen, und auf dem Kopf der Miesbacher Hut oder auch der Täubling, dunkelgrün mit niederem Gupf und breitem allerorts gebogenen Rand. Die ganze Tracht ist duxerisch. Es waren nun zuerst die Jäger, welche diese Kleidung, weiter ausgeschmückt, annahmen; sie setzten an das Lodenhemd den grünen Kragen, an die Aermel grüne Aufschläge und später noch an die Brust Knöpfe und grüne Überschläge und die so umgebildete Jäger-, Miesbacher- oder Tegernseer- Joppe begann nun das allgemeine Gewand der bayerischen Gebirgsbauern zu werden.“

Das G´wand der Bauern, Knechte und Handwerker ist um 1840 stark von der Jagdmode des Adels und der Jäger beeinflusst. In dieser Periode ist der Übergang Parforcejagd zur Gebirgsjagd festzustellen! Der Adel wandte sich verstärkt der Gebirgsjagd zu und kam dabei mit der Gebirgsbevölkerung in Kontakt, wobei sich die Bekleidungsgewohnheiten der beiden Gruppen natürlich gegenseitig beeinflussten.
Die Farbe der Joppe, grau und grün war kein Zufall: sie dienten der Tarnung bei der Jagd in den Wäldern und im Hochgebirge! Jäger und Forstleute spielten bei der Verbreitung der „Tracht“ dabei eine große Rolle.
Die kurzen Lederhosen zu dieser Zeit waren sehr lang: sie reichten bis an die Knie. Ende des 18. Jahrhunderts hatten die Strümpfe keinen Überschlag, aber oben farbige Ringe; Anfang des 19. Jahrhunderts waren Loiferl schon weit verbreitet. Die „langen Kurzen“ (Lederhosen) haben noch die ersten Trachtenvereine gehabt.

Seit etwa 1820 entwickelt sich aus der Kleidung der Tiroler Holzarbeiter die “ Miesbacher“ und „Tegernseeer“ Joppe. Im 18. Jahrhundert wiesen die damals grauen und auch braunen Joppen noch eine einfachere Machart auf. Die Joppe aus dem Zillertal hatte dabei keine Knöpfe und Kragen und wurde „Lodenhemd“ oder „Hemad“ genannt. Das heutige Hemd war die Pfoad. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die graue Miesbacher Joppe, wie wir sie noch heute kennen, zur festen Größe in der ländlichen Kleidung. Schon der Rechtsanwalt und Ethnologe Ludwig Steub beklagt 1860 in einer Reisebeschreibung, dass die Vielfalt der Trachten von der grauen Joppe verdrängt wird.
Um 1830 beginnt die graue Joppe ihren Siegeszug. Schon Lentner, Volkskundler im Auftrag des Königs, schreibt um 1840:

“... dass das grün herausgeputzte Gwand „sich zum Lieblingsgewande aller Jäger und Forstleute, besonders im Bayerischen erschwang.“

Der Schriftsteller Ludwig Steub in seinem Aufsatz „Die Schönheit des Volkes“: „ Selbst vor den norddeutschen Augen hat sie Gnade gefunden, und man sieht manchen Berliner Geheimrat, manchen Hamburger Bankier, der sich gleich nach den ersten Tagen, von dem Reize des Gewandes angezogen, in eine Kochlerjoppe hüllt und stolz am Tegernsee hinwandelt, nicht ohne dabei sein frisch einstudiertes Schnaderhüpfel zu zirpen. (Kochlerjoppen heißen sie erst seit wenigen Jahren von einem Schneider zu Kochel, der sie besonders billig fertigt und in großen Ladungen zu München verkauft.)“

Die Tracht der Bauern im 19. Jahrhundert schaut freilich meist anders aus, sie ist heute noch am ehesten in der „Dachauer Bauerntracht“ zu bewundern. Diese uns heute bekannte Form war zu der Zeit die allgemeine Tracht der Bauern und wurde wohl nicht zuletzt und dem Einfluss von Ludwig Thoma zum Synonym für die Tracht des Dachauer Landes. Die allgemeine Bauerntracht Anfang des 19. Jahrhunderts war also ausgesprochen bunt und vielfältig!
Wie sich die Miesbacher Joppe in den Trachtenvereinen des Chiemgaus entwickelt hat, ist anhand der alten Vereinfotos zu sehen. Ein Bild der Mesnerfamilie aus Unterwössen um 1900 zeigt z.B. drei verschieden Joppen, zwei grüne und eine graue Joppe. In einem Katalog der Firma Jäger aus Miesbach von 1930 sind dann etliche unterschiedliche Joppenmodelle - Berchtesgaden, Chiemgau, Schliersee, Miesbach (in 5 Versionen) – aufgeführt.
Auffällig ist außerdem, dass der Bauer nicht die „neue Gebirgstracht“ trägt, sondern einen schwarzen Anzug mit schwarzem Hut!. Der Schwarze Anzug des Bauern war das vorherrschende Festtagsgwand um 1900.
Die Hüte waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schwarz oder grün, wobei der Stopselhut – vor allem im Oberland – eine Blüte erlebte. Die schwarzen Hüte wurden oft mit grünen Seidenbändern geschmückt, wie es heute noch bei der Gebirgsschützenkompanie Wackersberg und Lenggries zu sehen ist.
Erst mit der Verbreitung der „Miesbacher Tracht“ wurde auch er grüne Miesbacher Schaibling zu der überwiegenden Hutform in den Trachtenvereinen.
Die Tracht war stark von der höfischen und städtischen Mode beeinflusst. Hier sollen auch nur die Hauptbestandteile kurz dargestellt werden:
Das Mieder, ein ärmelloses, eng anliegendes Oberteil mit Trägern, das in der heutigen Tracht fast ausschließlich als Obergewand getragen wird.
Im Rokoko ergänzte das Mieder in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor allem die Tracht der adeligen und bürgerlichen Frauen . Es ist dabei sehr steif gearbeitet und betont eine weit unten angesetzte, schmale Taille. Das mit Fischbein oder anderen biegsamen Stäben versteifte Rokokomieder betont die weiblichen Formen.
Nach 1800 verliert das Rokokomieder in der Stadt an Bedeutung und wird vom weichen verarbeiteten Empiremieder mit sehr hoher Taille verdrängt. Die ländliche Form des Rokokomieders ist das zweiteilige Wulstmieder, an dessen Unterkante eine Wulst – genannt Wurst – angebracht ist, um dem schweren Rock Halt zu geben. Diese bäuerlichen Mieder waren schon vor 1800 weich und ohne Formhilfen verarbeitet und bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts mit edlen Stoffen und Bändern überzogen. Mit Beginn des Biedermeier erfährt das versteifte Mieder eine Renaissance, welches in seiner Schnittform bis heute erhalten blieb.
Auf Bildern um 1900 sind bei Chiemgauer Trachtenvereinen einteilige, offensichtlich schwarze Mieder zu sehen. Sie waren teilweise mit Gschnür (mit oder ohne Taler) oder auch ohne Gschnür mit mittlerer Knopfreihe.

Diese stellen eine Sonderform dar, welche nur im Chiemgau anzutreffen war!



GTEV Unterwössen, um 1900



Schwaigerin, Piesenhausen, um 1900 (Pelzhaube und Kasettl)

Kopfbedeckung der Frauen

Im 19. Jahrhundert waren bei den Frauen die verschiedensten Kopfbedeckungen anzutreffen:

Weit verbreitet war die Riegelhaube, die um 1800 von den Münchnerinnen zur allgemeinen Stadtmode getragen worden ist. Sie war mehr in der städtischen Mode beheimatet, als in der bäuerlichen Tracht. Um 1820 hat die Riegelhaube ihre heute bekannte Form erreicht und erfreut sich heute wieder wachsender Beliebtheit bei historischen Trachten. Den Jungfrauen vorbehalten war das Jungfrauenkrönlein oder Kranl, das sich aus dem Jungfrauenkranz entwickelt hat. In vielen Teilen Bayerns wurden besonders prächtige Kranl als Hochzeitskrone verwendet.

Eine besondere Form der Pelzhauben ist die Sesselhaube, die meist aus Otter– oder Marderfell gearbeitet ist. Ein Nachweis einer solchen Sesselhaube in unserer Region ist das Bild der Schwaigerin aus Piesenhausen. Friedrich Lentner beschreibt die Situation um 1850:

„Die Weiber [im Salzburger Land; Rupertiwinkel] haben an den höchsten Feiertagen Pelzhauben von der Form, wie sie im Chiemgau üblich ist. … Sonst ist durchweg, auch an Sonntagen, das Kopftuch üblich, besonders bei Mädchen, die dazu schwere, schwarzseidene Tücher wählen.“


Katharina Bauer, Aschau, um 1908

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Stopselhüte auch bei den Frauen in den verschiedensten Ausprägungen weit verbreitet. Der sog. Miesbacher Hut hält seinen Siegeszug im späten 19. Jahrhundert, wahrscheinlich maßgeblich gefördert durch die Gründung der ersten Trachtenvereine. Besonders im Inntal war zu dieser Zeit der Inntaler Bauernhut verbreitet, der in Form und Farbe Vorbild des „Priener Hutes“ werden sollte.

Oberteil der Frauentracht

Der Schalk zählt zu den Schoßjacken und bezeichnet ursprünglich eine kurze Jacke für Männer und Frauen. Der Name bezieht sich noch heute im Oberland auf ein Oberteil der Frauentracht, welches über dem Rock und der Schürze getragen wird.

Der Schalk ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast nur in städtischer Umgebung anzutreffen. Ab 1860 können dann regional typische, ländliche Varianten beobachtet werden. Die historischen Trachten aus dem 19. Jahrhundert haben dann schon eine aufwendige Garnier und Verzierungen. Die Stoffwahl ist meist dem Geschmack unterworfen und hängt außerdem von der wirtschaftlichen Situation der Trägerin ab.

Eine regionale Sonderform des Schalks im Chiemgau ist das Kasettl, das durch die Historischen Gruppen wiederbelebt wurde. Im Unterschied zum Schalk war es schon um 1860/70 ausschließlich schwarz und oft in sich gemustert.

 

Die Entwicklung der Tracht mit den Vereinsgründungen der ersten Trachtenvereine ab 1883

In der Satzung des ersten Trachtenvereins Bayerns in Bayerischzell vom 13. Juli 1883 (von Lehrer Vogl) heißt es:

Zweck des Vereins:

Hebung und Förderung der Vaterlandsliebe, der altgewohnten und ererbten Liebe und Anhänglichkeit an sein angestammtes Königshaus, des Heimatkreises, Wiederauffrischung der im Verschwinden begriffenen kleidsamen Volkstracht, Neubelebung des alten Gebirgs-Volks-Gesanges; sowie gesellige und untadelige Unterhaltung.

Es war 1883 zwar nicht so, dass überhaupt keine Tracht mehr getragen wurde, jedoch die kurze Lederhose war im Verschwinden. Das war der eigentliche Grund der Vereinsgründung. Die nun allerorts gegründeten Trachtenvereine wurden auch „Kurzhosenvereine“ genannt, deren Mitglieder „Kniahösler“.

„Speziell die Ummünzung der ursprünglichen Idee [einheimische Tracht zu erhalten] auf die Ebene einer Gemeinschaft war die revolutionäre Tat, der springende Punkt, ohne den unser Bayernland wohl entschieden anders aussehen würde.“ (Karl Kraus)

Hinzu kam der Gedanke der Verbreitung und Pflege der Trachten, also ein missionarischer Ansatz. Dies dürfte aus dem Bedürfnis nach einer regionalen kulturellen Identitätsfindung entsprungen sein (Gillmeister). Im Kaiserreich nach 1871 kam es zu auffällig vielen Vereinsgründungen, um gemeinsam kulturelle, religiöse, soziale und politische Zwecke zu verfolgen.


Benedikt Theodor v. Cramer-Klett (links) mit Gauvorstand

Bei der Tracht schufen die Trachtenvereine etwas Neues !

Lehrer Joseph Vogl selbst meinte:

“ ... unstreitig ist die jetzige Gebirgstracht weit schöner und heiterer.“

Erst seit der Gründerzeit der Trachtenvereine kann man die bayerischen Lederhosen mit den moosgrünen Eichenlaubverzierungen aus Plattstickerei leicht von den grün ausgenähten Hosen der Steiermark und den weiß ausgenähten aus Salzburg unterscheiden. Laut Paul Ernst Rattelmüller erneuerten die Trachtenvereine die Tracht ab 1883 sichtbar. Sie passen sie ihrer Zeit an, was das Geheimnis ihres Erfolgs – dem unglaublicher Zulauf und der Welle der Vereinsgründungen - war!

Rattelmüller benutzt dazu ein schönes Bild: Die Bevölkerung war wie ein Schwamm der sich voll saugte! Die Gründung der vielen Trachtenvereine Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts muss in engem Zusammenhang mit patriotischen und gesellschaftlichen Aspekten gesehen werden. Sie war eine Reaktion der einfachen Leute auf das Eindringen der Moderne in ihre Lebensbereiche.
Die Aktivitäten der Vereine zielten, und das liegt wohl in der Natur der Sache, auf Darstellung nach außen. Das hatte zur Folge, dass z.B. bei den Lederhosen die üppiger mit gestickten Ornamenten (Plattstichtechnik) versehenen Exemplare von den Trachtenvereinen bevorzugt wurden. Favorit der Vereine war nicht die Lederhose mit Steppmustern (wie sie heute noch z.B. in der Ausseer Form zu sehen und allgemein in ganz Österreich verbreitet ist) – sondern die reich verzierte, grüne Plattstickerei. Steppmuster sind ab 1949 wieder auf den zu dieser Zeit aufkommenden Bundhosen zu sehen!
Vor den Vereinsgründungen waren die Stickmuster abstrakt, jetzt dominieren Eichenblatt, Eichel und Gams!

Trachtenvereine, besonders im Gebirge, waren dabei von Anfang an vom Tourismus beeinflusst, der die Pflege der Tracht durch das Interesse der Besucher aufwertete. Das Tragen der Tracht diente zur Abgrenzung gegenüber dem Modernen, Fremden. Die Trachten zu tragen sollte letztlich dabei helfen, traditionelle Lebensformen aufrecht zu halten.
Der Gedanke der Trachtenerhaltung äußerte sich in zahlreichen Vereinsgründungen in der Folge. 1890 gab es schon 15 Vereine rund um den Wendelstein, die Vereinsidee wurde im Chiemgau zuerst in Hohenaschau 1884 und 1891 in Staudach und Unterwössen verwirklicht. Der Gauverband I wurde 1891 mit 15 Vereinen in Bad Feilnbach gegründet, was Hans Zapf schon als „Trachtenbewegung“ bezeichnet.

Die ersten Trachtenvereine im Chiemgau-Alpenverband

1804 wird die Tracht im Marquartsteiner Gericht wie folgt beschrieben:

Zur Kleidung hat der Mann einen schwarzen oder braunen Rock von grobem Tuch oder Barchant, eine rote Weste mit einem Gurt um den Leib, schwarzlederne Hosen, blaue Strümpfe, einen schwarzen Flor um dem Hals und auf den Kopf einen grünen oder schwarzen Hut mit vielen Bändern versiert. Einen solchen Hut tragen auch die Weiber und Mädchen. Die Farbe zu ihrem übrigen Anzug, zum oberen und unteren Oberrock, ist ebenfalls schwarz. Die ledigen Mädchen zeichnen sich durch weiße Fürtücher, schöne Mieder und Bänder aus.

Die ersten Trachtenvereinsgründungen nahmen sich nicht dieser bäuerlichen Tracht des 19. Jahrhunderts an, sondern der Gebirgstracht!

Die erste Vereinsgründung in unserem Gau war 1884 in Aschau:
Gründer des drittältesten Trachtenvereins waren Forstleute, Holzknechte Bauern und Handwerksburschen. In der Gemeinde Aschau war eine zentrale Figur Theodor Freiherr von Cramer-Klett, Reichsrat der Krone Bayerns und seit 1902 Protektor des Gauverbandes I. Erst die Unterstützung des jungen Vereins durch Freiherr von Cramer-Klett als dessen Protektor seit 1895 brachte aber Anerkennung und Zuspruch bei der Bevölkerung. In der Satzung (eine frühere ist nicht bekannt) von 1897 wird als Zweck des Vereins die Erhaltung und Verbreitung der hiesigen Gebirgstracht festgehalten. Die Einführung einer einheitlichen Tracht und wohl auch die Satzung von 1897 gingen auf seinen Einfluss zurück. Dabei wurde der Stopselhut als einheitliche Kopfbedeckung der Vereinsmitglieder festgehalten. Der Aschauer Stopselhut stellt mit seiner geschwungenen Form ein Sonderform dar, die wohl maßgeblich von Baron Cramer-Klett und demn örtlichen Hutmacher Blimetsrieder ausgegangen ist.


Gründungsausschuss GTEV Prien, 1895

Der Stopselhut im Allgemeinen hatte sein Blüte in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts und wurde besonders von den Gebirgsschützenkompanien des Oberlandes getragen, war aber sicher nicht die allgemeine männliche Hutform im Priental.
Die beiden Trachtenvereinsgründungen 1891 im Achental, Staudach und Unterwössen, sind auch zur Erhaltung, Pflege und Verbreitung der Gebirgstracht erfolgt. Ins Achental kam die Idee, die „Gebirgstracht“ zu erhalten, durch Josef Meth, einem Erdinger Wirtssohn. Er war über Schliersee nach Unterwössen gekommen und hatte wohl aus dem Oberland die Trachtenvereinsidee mitgebracht.
Die Vereinsgründungen wurden außerdem „von oben“ begünstiget und angeregt, wie folgender Artikel zeigt:
Aus einer Meldung im Traunsteiner Wochenblatt vom 9. April 1891:
Aus dem Achenthale schreibt man uns: Nach dem Vorgange anderer Orte ist auch in Unterwessen ein Verein zur Erhaltung und Verbreitung der üblichen Gebirgstracht gegründet worden, der bereits 23 Mitglieder zählt. Diesbezügliche Wünsche wurden schon öfters bei verschiedenen Gelegenheiten von Oben herab ausgesprochen und fanden solche Worte in Folge ihrer Berechtigung auch freudigen Widerhall in den treuen Bayernherzen der biederen Gebirgsbewohner… Eine Schmach ist es für jeden Deutschen, die französischen Modethorheiten in Kleidung und Haarschmuck nachzuäffen und sie nur darum schön zu finden, weil sie vom Ausland kommen.“

Offenbar ist die Gründung der Trachtenvereine aber schon als „Gegenbewegung“ zum ausländischen Einfluss auf die Mode gesehen worden.
Die Obrigkeit, selbst der Märchenkönig Ludwig der II., begrüßte die Vereinsgründungen. Besonders PR Luitpold tat sich als Förderer der Trachtenvereine hervor. 1898 erging durch PR Luitpold ein Aufruf an alle Bezirksämter, Trachtenvereinsgründungen zu unterstützen. In der Priener Festschrift von 1995 ist nachzulesen, dass bei der Vereinsgründung der Hinweis auf Prinzregent Luitpold von Bayern, „der in seinen alten Tagen die Tracht trägt und uns mit gutem Beispiel vorangeht“ eine Rolle gespielt hat.

Darüber hinaus sehr wichtig für die Trachtenentwicklung im Chiemgau ist die Tatsache, dass in Prien zwei wichtige Firmen ihren Sitz haben, welche die Form der Chiemgauer Tracht maßgeblich beeinflusst haben: der „Säckler Mayer“ und die Hutfirma Brunnhuber. Wichtig war auch der Hutmacher Blimetsrieder in Aschau.


Anton Leingartner Aschau um 1918

Gründungsausschusses des Priener Trachtenvereins ließen sich mit ihren Trachten verewigen, die in den Ausführungen noch sehr individuell und vielfältig waren. Im Kaiserreich war es außerdem undenkbar, dass Bürger, die etwas von sich hielten, sich ohne Krawatte oder „Schmisl“ zeigten. 

Zitat aus der Priener Gründungszeit:

„Unsere heimatliche, sehr kleidsame Tracht, an der unsere Eltern und Großeltern mit großer Zähigkeit hingen, soll erhalten bleiben.“

Das Anfang des 20. Jahrhunderts in den Trachtenvereinen auftretende Phänomen der Vereinheitlichung der Trachten ist sicher auch auf das Wesen eines Vereins an sich zurückzuführen, sich nach außen möglichst geschlossen präsentieren zu wollen. Außerdem waren das Deutsche Kaiserreich und auch das Königreich Bayern stark militärisch geprägt, was sicher im Bewusstsein der Bürger dazu führte, dass ein Verein dann attraktiv war, wenn er ein einheitliches Erscheinungsbild hatte. Die Trachtenvereine waren dabei sicher auch vom Oberland beeinflusst, wo die Bestrebungen zur Vereinheitlichung der Tracht Anfang des 20. Jahrhunderst dokumentiert ist:   

Aus den Protokollbüchern des Oberlandler Gaus:
„Der Gauverband [Oberlandler Gau] versuchte neue Wege, um den bisherigen Durcheinander in punkto Tracht in Ordnung zu bringen.“ (1900)

„Diese Satzung [Trachtensatzung für Oberlandler Gau 1905] war Beispiel für andere Gaue und hat bis heute zum größten Teil ihre Gültigkeit.“

Motive dieser Bestrebungen waren „Sauberkeit  und Ordnung“ in der Tracht zu fördern.

„Da hat man sich auf das Gewand festgelegt“ (1907)   

Die Festlegung „Richtlinien“ des Oberlandler Gaus auf Trachtenformen von 1905 sind seitdem nur geringfügig ergänzt und geändert worden. Die Hauptaussagen darin ist:

„ Die Farbe des Hutes sowie der Joppe ist im Verein stets gleich zu halten.“ 

Es  wurden dabei „Kleidung I“ mit Loferl und Stiefelschuhen und die „Kleidung II“ mit Halbschuhen und Kniestrümpfen, grüner Tuch–  oder Samtweste festgelegt. Bei den Frauen wurde entsprechend Kleidung I und Kleidung II vorgeschrieben. Bemerkenswert ist, das hier Miederfarbe und Stofffarbe nicht einheitlich vorgeschrieben waren aber laut Toni Demmelmeier sen. bei den Trachtenschauen solche Vereine bevorzugt wurden, die ein einheitliches Bild abgaben. 

Die Trachtenbestimmungen des Oberlandler Gaues von 1905 wurden 1919 ergänzt. Man  legte  sich auf bestimmte Trachten (z.B. Miesbacher Tracht) und deren Formen fest! Auch wurde eine bestimmte Tracht für einen bestimmten Anlass festgelegt. Motive waren die Festigung des Gemeinschaftsgefühls innerhalb der Vereine, aber auch die Außenwirkung, besonders der Verbände.

Im Oberland waren die Gebirgsschützen traditionell schon lange anerkannt und wohl in ihrem Auftreten sicher Vorbild für die neuen Trachtenvereine. Hier war der Eifer nach bestmöglicher Einheit schon deutlich ausgeprägt!

Die selben Bestrebungen waren im Gauverband I vorhanden, was zu einer verstärkten Vereinheitlichung bei den Trachten der jungen Trachtenvereine führte.  

Paul Ernst Rattelmüller meint zum Thema: 
Man erkennt, dass Tracht so lange „echt“, lebendig ist, so lange sie sich verändert – nun ändert sie sich aber nicht mehr!“

Dies ist eine sehr zugespitzte Sicht der Trachten in den Vereinen. Zu bedenken ist wohl aber, dass es die Unveränderlichkeit der „Tracht“ als Wert an sich erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt. Entwicklung und Veränderung gehört aber zum Wesen der Tracht, die jungen Trachtenvereine hätten keine Chance gehabt, wenn sie nicht eine neue, attraktive Tracht geschaffen hätten.

Zwischen den Weltkriegen –

Gründung des Chiemgau-Alpenverbands

 

Im Trachtenkalender von 1921 erscheint ein Artikel von Georg Grünbauer über „Die Erhaltung des „Echten“ an der Gebirgstracht“, der die Tendenzen zur Erstarrung und Vereinheitlichung zusammenfasst:

Zitat: „ Zur Erhaltung der Volkstracht ist es vor allem anderen Grundbedingung, dass an der bisher gebräuchlichen Tracht festgehalten wird.“

„Modernisierungsbestrebungen“ werden darin abgelehnt und dagegen die „Reinerhaltung“ der Tracht gesetzt. „Die Gebirgstracht darf nicht zur Modesache werden.“ Begriffe wie Echtheit und Vollkommenheit werden gebraucht, um „Fehlentwicklungen“ zu bekämpfen. So wird gefordert:

„Weg mit:  Stoaklopfer und Bergkraxlerhüten, Stehumlegekragen und Schillerhemdkragen -     vielmehr sollen einfacher Hemdkragen und Seidentüchl zur Tracht gehören.“

Diese Standpunkte können nicht isoliert von der allgemeinen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Situation in Deutschland zu dieser Zeit gesehen werden.  Die Lage war sehr unsicher und dramatisch. So fühlte man sich durch den Versailler Vertrag von den Siegermächten sehr benachteiligt, was sich sicher in der Ablehnung fremder Kulturen und Moden ausdrückte.  Die Vereine gaben den Menschen Selbstvertrauen und feste Strukturen, die sie sonst vermissen mussten.

Im selben Trachtenkalender 1921 wurde von folgenden Vereinen aus unserem heutigen Gaugebiet (damals noch beim Gauverband I) als Tracht angegeben:
Hohenaschau: Oberbayer. Gebirgstracht
Marquartstein: Chiemgauer Tracht
Oberwössen: Achentaler Tracht
Reit im Winkl: Chiemgauer Tracht
Staudach: Gebirgstracht
Übersee: Ruhpoldinger Tracht 

Zwei Jahre später, 1923, waren schon mehr Vereine aus dem späteren Chiemgau-Alpenverband im Trachtenkalender:
Amerang : Chiemgauer Gebirgstracht
Bernau: Chiemgauer Tracht
Feldwies: Achentaler Tracht
Frasdorf: Oberbayer. Gebirgstracht
Grassau: Achentaler Tracht
Höhenmoos: Chiemgauer Tracht
Hüttenkirchen: keine Angabe
Marquartstein: Chiemgauer Tracht (Vorstand:  Matthias Schrobenhauser)Oberwössen: Achentaler Tracht
Reit im Winkl: Chiemgauer Tracht
Schleching: Oberbayerische Gebirgstracht
Staudach: Chiemgauer Tracht
Übersee: Achentaler Tracht
Unterwössen: Achentaler Tracht
Wildenwart: Chiemgauer Tracht

Ausschnitt


Historische Trachten Oberwössen

laut diesen Eintragungen lassen sich leider keine Schlüsse auf die Formen der Tracht in den Vereinen ziehen. Festzuhalten bleibt aber, dass hier schon ein Bewusstsein für die regionale  Chiemgauer Tracht vorhanden gewesen sein muss, da die  übrigen Vereine außerhalb des späteren Gaugebiets des Chiemgau-Alpenverbandes meist die „Miesbacher Tracht“ als Vereinstracht angegeben hatten. Auffällig ist die häufige Nennung von Chiemgauer Gebirgstracht und Achentaler Tracht, was schon auf ein Selbstbewusstsein gegenüber der überwältigenden Stellung der Miesbacher Tracht schließen lässt.  

Im Trachtenspiegel (Verfasser: W.M. Schmid) des Trachtenkalenders vom 1923 ist zu lesen :

„Die Tracht muss in entsprechender Abänderung zu jeder Zeit, am Werktag und am Feiertag, bei der Arbeit wie zum Vergnügen getragen werden. Sie muß es, weil sie bodenständig ist, ...  Stammesmäßigen Charakter kundgeben ... darum ist sie auch eigenartig und schön geworden.“


Stücklschneider Irgei, Oberwössen um 1930

Zur „Volkstracht“ im Gegensatz zur Gebirgstracht ist vermerkt, dass es eine „alte Tracht“ vor den Trachtenvereinen nicht gegeben habe.

Diese waren vielmehr Trachten der Stände und  Zünfte. Volkstracht heute [1923] war die frühere Bauerntracht!

Zitat: „Was dann und wann von Resten altbürgerlicher Tracht aus den Städten auftaucht, ist nicht von Bedeutung. Die alte Bauerntracht hat sich, ..., im ganzen bis gegen 1850 erhalten; dann ist sie förmlich weggeschwemmt worden. „

Außerdem wurde bemerkt:
„... es herrscht über die wirkliche Gestalt der alten Tracht eine große Unsicherheit. Außerdem sind (insbesondere in Altbayern und in Östreich) im letzten Stadium  der Bauerntracht, von 1820-1850, durch Erbschaft, Heirat, auch durch Kauf seitens der damals sehr reichen Bauernschaft eine Anzahl Trachtenstücke auf das Land hinausgekommen, welche die städtischen Bürgersfrauen gerade abgelegt hatten. So gehören Riegelhaube, die Passauer Goldhaube, der bunte türkische Schal [gemeint ist der „bunte Schal“ unserer Röcketracht] , ..., nicht zur echten , alten Bauerntracht.“

Als Reaktion auf diese Situation wird die  „Erhaltung der Tracht“ propagiert, und zwar in unveränderter und genormter Form. Eine Wiederbelebung der alten Bauerntracht wird abgelehnt, da „Jene vergessen, dass sich die Bauerntracht des  unter dem Einfluss der Stadtmode veränderte.“

Ein Wesen der Tracht im 19. Jahrhundert, nämlich der Weiterentwicklung und die Übernahme höfischer und städtischer Formen wurde so als falsch definiert. Dies hätte den Intentionen der Verbände und Vereine widersprochen, die Ihre Stellung gegen die städtische Mode bezogen hatten: „Aufblühen der Trachtenbewegung, das getragen ist von dem Wunsche weiter Volkskreise, von unserer öden Stadtmode wegzukommen, ....“

Andererseits wird auch gesehen, dass die Trachtenvereine eine neue Tracht geschaffen hatten, die „Neubayerische Tracht“:
„Der Begriff „bayerische Gebirgstracht“ trifft nicht ganz das Wesen der bekannten Tracht; ... Teile stammen aus Tirol,…“ Laut Trachtenspiegel hinkte das Gebirge der Entwicklung auf dem flachen Land nach, wo die Verstädterung schneller vor sich ging. Trachtenteile, die aus unserer heutigen Tracht nicht mehr wegzudenken sind, werden so bewertet: Geschnürmieder und die Halskette sind eine neue Abart der Tracht aus der bürgerlichen Mode Münchens!

Die sog. neubayerische Tracht (gemeint ist die Gebirgstracht) ist bewusst nicht  die Fortsetzung der alten Bauerntracht! Mit ihr hätten die Trachtenvereine auch sicher keinen Erfolg gehabt. Die jetzt als (end)gültige Form der Tracht definierte Gebirgstracht wird so für die Vereins– und Verbandszwecke instrumentalisiert.

Weitere Ausführungen:

Zitat: „Die daraus sich entwickelnde „Uniformierung“ (die man z.B. auf Trachtenfesten beobachten kann) ließe sich leicht beheben, wenn man bei der Farbe von Joppe und Hut auf die Zeit von 1800 zurückgreifen würde. Anstelle der Kochler Joppe (Miesbacher Joppe) müssten die regionaltypische Joppen wiederbelebt werden. Neubayerische Tracht hat schon am Anfang ihrer Entwicklung die enge Begrenzung auf ihr Entstehungsgebiet gesprengt.

Man trägt aber so nicht zur Erhaltung der Gebirgstracht bei!“

Die Gründung der Vereinigten Bayerischen Trachtenverbände 1925 waren Ausdruck einer Tendenz, die Trachtenvereine möglichst geschlossen nach außen auftreten zu lassen, dessen logische Konsequenz die Vereinheitlichung der Trachten war.

Charakteristisch für diese Bestrebungen ist der Ausspruch Thomas Bachers, dem damaligen Gauvorstand des Gauverbandes I und  Gründer der Vereinigten Bayerischen Trachtenverbände:
„Einig vom Watzmann bis zum Bodensee“

Thomas Bacher kämpfte als begnadeter Redner in den „Wilden Zwanzigern“ gegen Bubikopf,  Schieber (Tanz), Gelbe Schuhe und Stöckelabsätze in den Trachtenvereinen. Andererseits gab es auch damals schon „historische Trachten“:

Zitat: „Eine absonderliche Freude wäre es mir, wenn unsere Gauvereine, die noch so schöne Alttrachten besitzen, sich vollzählig an unserem 28. Gaufest ... in Endorf beteiligen würden. ... Solche, wie sie unsere schönen Gebirgs – und Volkstrachtenvereine Bergen, Zell bei Ruhpolding, Siegsdorf, Eisenärtzt, Wasserburg ... tragen, sind erwünscht.“

 „Laßt alles unechte weg, zeigt Euch echt, einfach und schlicht, wie unsere Voreltern es taten. Keiner ist berechtigt, sich beim Kirchen- oder Festzug zu beteiligen mit gelben Schuhe, gelben Hosen, gelbem bzw. blauem Frack oder sonstigen falschfarbigen Joppen, mit Locken und Stoaklopferhüten und entblößter Brust.“.

Bubikopf, offene Hemden, Stoaklopfer, Stöcklschuhe und „Amerikanisierung“ waren Themen der „Vereinigten“ zu dieser Zeit. Bacher und sein Verband versuchte wohl die Stellung der Trachtenvereine weiter zu stärken und auszubauen, indem er die Miesbacher Tracht überall im Gauverband I zu verbreiten suchte. Die unsichere politische und gesellschaftliche Lage mit der Erosion alter Werte und Normen in den zwanziger und beginnenden dreißiger Jahren versuchte man mit einer starken „Bewegung“ entgegenzutreten. Die einheitliche Tracht im Gebiet der „Vereinigten“ sollte dies symbolisieren.  

Dies widersprach anscheinend dem Empfinden der Gründervereine des Chiemgau Alpenverbandes. Neben dem Verbot der Abhaltung von Preisplatteln (wegen der regelmäßig auftretenden Raufereien) war die Bevormundung in Trachtenfragen sicher ein Grund zur Abspaltung des Chiemgau-Alpenverbandes vom Gauverband I unter dessen Gauvorstand Thomas Bacher.

Auszüge aus einem Artikel in der Trachtenzeitung von 1926 machen dies deutlich:

Aus einem Artikel zur Gründung des Chiemgau Alpenverbandes in der Trachtenzeitung vom 27. August 1926

(Verfasser: der damalige Schriftleiter der Trachtenzeitung, Peter Oppenrieder, Bad Aibling):

 

 „Und nun gründet sich im Achental ein neuer Gauverband, dem bis jetzt neun Vereine beigetreten sind, welche früher lange Jahre dem Gauverband I angehört haben.“

Als Grund für die Neugründung wird dabei, neben dem Verbot der Preisplatteln,  die Bevormundung durch den Verband angenommen:

„Nein, es war die richtunggebende Linie, welche der Gauverband seinen angeschlossenen Vereinen vorgezeichnet hat.“

Oppenrieder beklagt weiter:

Wenn wir schon im Chiemgau eine veränderte Tracht feststellen, so liegt das in der Eigenart, wie etwa  wo anders auch.“. Bei den Weiberleuten geht´s ja. Aber bei den Mannerleuten, da fehlt´s schon himmelweit. Tracht schaut anders aus! Es fehlt an Einheitlichkeit, am Ausgeglichenen.“

 

Ein wichtiger Kritikpunkt waren die

„Haferlschuhe“, welche  im Chiemgau anstatt der geforderten Schnürschuhe getragen wurden. Auf Bildern aus dieser Zeit sind im Chiemgau außerdem Stoaklopferhut, offene Hemdkragen und Schuhe mit  Lasche zu sehen, die in das Trachtenbild des Verbandes nicht passten.

 

Im Unterschied dazu trägt der langjährige 1. Vorstand des Priener Trachtenvereins und Kassier des Gauverbandes I, Anton Sterzer Krawatte, Miesbacher Hut und  Schnürschuhe! Erst nach dessen Ausscheiden als 1. Vorstand erfolgte übrigens 1930 der Wechsel zum Chiemgau-Alpenverband. 

 


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