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Wer durch das Voralpenland wandert und weniger vom Verkehr erschlossene Winkel aufsucht, oder wer unwegsamere Pfade in den Bergen bevorzugt, wird auch heute noch da und dort, am Wegrand, in der Schlucht eines Wildbaches oder unterhalb einer steilen Felswand zunächst unscheinbare bemalte und oft halbverwitterte Brettchen vorfinden. Wer Sinn dafür hat, wird gerne seine Wanderung kurz unterbrechen, um eine derartige Tafel näher zu betrachten. Mit ziemlich unbeholfener Hand ist ein Unglücksfall dargestellt, der sich hier oder in allernächster Nähe schicksalhaft zugetragen hat. Der oft holprige Text darunter, häufig sogar in Versform, erläutert noch zusätzlich das Dargestellte.

Solche Zeugnisse der Volksfrömmigkeit, wie sie in dieser Form vor allem im alpenländischen Raum anzutreffen sind, nennt man hier schlichtweg Marterl und verbindet damit gleichzeitig die Vorstellung an etwas Liebenswertes, etwas ganz Persönliches.

Ein Marterl ist ein Kleindenkmal, zur Erinnerung an einen Toten, der durch Unglück oder Gewalt sich sein Leben einst einbüßte. Es steht am Ort des Unglücks und will durch Wort und Bild die Erinnerung wach halten und zum Fürbittengebet für den Verstorbenen mahnen. Der Ursprung des Namens „Marter“ liegt wohl im griechischen „martyrion“ , was soviel wie Bekenntnis und Bezeugung heißt, weshalb in der christlichen Frühzeit diese Bezeichnung auch auf jenen Christen übertragen wurde, die für ihren Glauben Blutzeugnis abgelegt, also ein „Martyrium“ erlitten hatten. Später im ausgehenden Mittelalter, wurde das Leiden Christi auch als „Marter Christi“ oder als „Gottes Marter“ bezeichnet, wobei die Bedeutung Marter = Pein im Vordergrund steht.


Marterl in Rottau

Durch die bildliche Veranschauung des Leidens Christi, der Kreuztragung und der Kreuzigung, sollte der Vorübergehende dazu aufgerufen sein, nicht nur des Todes Christi, sondern selbst zu gedenken. Wenngleich die Bezeichnung Marterl selbst in einschlägigen Veröffentlichungen für Gedächnistafeln verschiedenster Art verwendet wird , so gelten als Marterl im scharfen Sinn nur jenen, die für einen tödlich Verunglückten zur Erinnerung und zwar am Ort des Geschehens, errichtet oder angebracht wurde. Die Verbreitung beschränkt sich hauptsächlich auf den Alpenraum, aber auch auf italienischem und slowenischem Boden sind solche anzutreffen.

Denkt`s no dro
An den Jüngling Sepp Weißenbacher Erschlbauersohn von da
Verunglückte am Kirchweihsunnda schon mit 18 Jahr,
drum richts eng fürs jenseits, des is nia z`fruha !
Er fiel durch das Heuloch und starb bei de Küha,
bet`s eam an Vater unser, er kann nigs mehr dafür,
des is eam jetzt liaba als wia a Maß Bier.

Passiert am 22. Sept. 1866

 

Eine andere Übersetzung für „Marterl“ bezieht sich auf die Hl. Martha. (29. Juli), die Schwester des Lazarus ist auch Sterbepatronin, sie wird oft auf Marterl dargestellt, daher die andere Ableitung von Marterl .

Marterl bilden einen nicht mehr wegzudenkenden sichtbaren Bestandteil bäuerlichen Volksfrömmigkeit im Alpenraum und sind wichtige Kulturschätze. Für die Volkskunde sind diese Marterl, wie auch die Votivtafeln, eine nicht zu unterschätzende Bildquelle.

Die im Detail oft äußerlich exakt gezeichneten Begebenheiten stellen uns Bauernformen, Trachten und Gerätschaften aller Art vor und vermitteln somit ein Bild der bäuerlichen Kulturlandschaft. Zu spät wurde leider der Aussagewert der bildlichen Darstellungen erkannt und selbst unsere volkskundlichen Museen besitzen nur wenige Beispiele dieser ehemals zahllosen Gedenktafeln.

's Marterl
Ned weit vo meim Häusl
a stückl bergauf,
da steht an oids Marterl.
A Inschrift is drauf.
Mo konns nimmer lesn,
de Schrift ist verwittert.
Verloren, vergessen,
denkt mancher verbittert.
Und doch konn i richtig
was ablesen draus:
Da Mensch nimmt se wichtig,
doch d'Zeit löscht oiß aus.

Verfasser: unbekannt

Nicht zuletzt sind diese Texte auch mitunter wertvolle sprachliche Zeugnisse, sie vermitteln mundartliche Färbungen von Ort – und Eigennamen, von Berufsbezeichnungen und Gegenständen. Aber nicht nur das persönlichen Schicksal spricht häufig aus diesen Inschriften, sondern geschichtliche Begebenheiten, wie kriegerische Ereignisse und Naturkatastrophen spiegeln sich darin, vermitteln oftmals den einzigen Beleg dafür.
Christliches Andenken an den Ehrsamen Bartlme Angerer, Bauersmann von hier und der Marie Pfund von Volders, welche beide am 5. November 1809 durch die damahlige Rache der königliche Baierischen Soldaten ihr Leben auf vorgestellte Art einbüßten. Von nachfolgenden Ankel Josef Angerer.



Marterl in Winklmoos

In ewigen Gedenken an den ehreng. Fritz Kalser
Holzvorarbeiter von Entfelden welcher am 3. Juni 1914 in der
Nähe v. hier in folge einer Baumwurzel tödlich verunglückte. R.T.P.
Denk an dein End, ob jung ob alt dein letzter Gang er kommt so bald
Er kommt dann wenn’s niemand denkt ! Drum leb stets mit Gott vereint
u. bet für dich und bet für mich dann sehn wir uns einst ewiglich.

 

 

 

 

 

 

 

Erinnerts enk no
An Wastl Donauer Lippensohn von hia
brach sich mit 37 Jahr, Gnack, Rippen und Knia,
zum Bremsen keant de Tatzen,
in der Hütten waren`s vergessen,
sonst hätt`s net dasteßen.
Am Bam dro lag die Prügelfuha,
bet`s eam ein Ave Maria dazua !

Paßiert am 22.2.1864

 


 

Weitere Marterlsprüche

 Hier starb ein junger Mann,
mit Namen Johann,
er trug die kurze Hose gern,
blieb auch von keinem Feste fern;
Und war wo eine Fahnenweih `,
da kam er mit sein `Dirndl glei`.
Nun ist er beim hl. Petrus drobn,
hoffentlich gut aufgehob`n.
Schad`is`s um Di , mei Bua,
Gott gib Dir die ewige Ruah`!
(Waakirchen, von Franz Gschwandtner für einen Trachtenkameraden)

 Unter dieser Eiche lag
efrorn durch Kält und Wind,
Vor Jahren um die Weihnachtszeit
Ein armes Waisenkind.
Der du im warmen Kittel gehst,
Hilf anderen in der Not,
Dann frieret sich kein Waisenkind
Im dünnen Röcklein tot.
(Bayer. Wald, bei Spiegelau)

 

Der Schustersepp von Lauterbach
Ist hier ersoffen in der Ach.
Er trank zu viel vom Branntwein.
Drum fiel er in die Ach hinein,
Gott schenke ihm die ew`ge Ruh
Und noch ein Viertel Schnaps dazu.
(In der Lauterbach an der Ach)

 

Verunglückt ist auf solche Art,
Der Holzer Sepp hier ohne Bart,
A Stoaschlag bracht ihn um sein Leben,
Jetzt tuts koan Holzer Sepp mehr geben. 
(Bad Tölz)

 

Tobias Bogner, Goasser,
Abg`stürzt am Wilden Koaser.
Himmel , Herrgott, Sakrament,
War dös a grauslichs End !
(Am Wilden Kaiser)

 

Hier liegen begraben
Vom Donner erschlagen
Drei Schaf, a Kalb und a Bua,
Herr ! gib ihnen die ewige Ruah.
(Pitztal)

 

 

Wetterregeln im August : 

Wenn`s im August ohne Regen abgeht,
das Pferd mager vor der Krippe steht.

Wer schläft im August,
der schläft zu seinem eigenen Verlust.

Im August viel Regenschauer
Ist Verdruß für jeden Bauer.

Je dichter der Regen im August,
je dünner wird der Most.

Nasser August macht teure Kost.

Wenn`s im August nicht regnet,
ist der Winter mit Schnee gesegnet.

August freundlich und heiß,
so bleibt der Winter weiß.

August soll sein ein Augentrost,
macht zeitig Korn und Most.

Wie das Wetter am Himmelfahrtstag,
so der ganze Herbst sein mag.

 

 

Text : Miche Huber

Quelle : „Marterlsprüche“ / Hans Roth – Süddeutscher Verlag