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Röckefrauen vor dem Festzug

Seit Adam und Eva, religionsgeschichtlich gesprochen, durch eigenes Verschulden aus dem Paradies vertrieben worden sind, besteht für die Menschen die Frage: „Wos für a Gwand legn ma o?“. War es am Anfang nur ein Behelf aus Pflanzengeflecht bis hin zu den Tierfellen, welche Männer und Frauen in gleicher Art getragen haben, so wird aus der Überlieferung berichtet, dass die Kelten bereits Hosen und Röcke kannten.
Menschliche Geschicklichkeit hat zur Herstellung von Kleidung Leinen und Wolle verarbeitet und später sogar die Seide erfunden. Bei den Römern kann man schon von Mode sprechen, wenn auch die Germanen im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt noch sehr einfach mit gegürteten Fell- und Wollumhängen gekleidet waren. Stück für Stück in der Zweckmäßigkeit kamen hinzu: Schuhe, Kopfbedeckung, Sommer-/Winterbekleidung, Arbeits- und Festgewänder; auch Schmuck durfte nicht fehlen.
Zu den Gebrauchsgegenständen zur Verrichtung von Arbeiten und für den Lebens- und Wohnbedarf haben sich auch Musikinstrumente hinzugesellt. Nicht nur die Entwicklung der Sprache zählt zu den Kulturhoheiten der Völker, auch der Tanz war von jeher eine besondere kultische und kulturelle Ausdrucksweise.

Damit sind wir schon mitten in der Kleidermode und Brauchtumstradition. Es ist also ein guter Brauch, sich zu kleiden. Was kleinweis begann, entwickelte sich zu einer Vielfalt von Möglichkeiten und die Narretei der Fantasie und der Angeberei erkannte nicht mehr die notwendigen Grenzen des Geschmacks und der Sittlichkeit. Letzteres ist auch heute noch zu beobachten. Das Mittelalter bis hin zum beginnenden 19. Jahrhundert kannte noch die Untertänigkeit und so waren es die Herrschenden, die Geistlichkeit und die Gerichte, welche sich gegen Auswüchse wandten, Verordnungen erließen und Strafen auferlegten.
Dies galt für den Bereich des Kleiderverhaltens und ebenso für die Geselligkeit. Besonders betroffen davon war das Volk auf dem Lande. Aber von jeher war Zwang ein untaugliches Mittel, so auch in diesem Fall. Der menschliche Einfallsreichtum und der Freiheitsdrang des 18. und 19. Jahrhunderts taten das Übrige dazu, so dass sich die Kleidung weiter entwickeln konnte und die Mode immer wieder zum Durchbruch kam. Die Einflüsse waren Landes- und Staatsgrenzen übergreifend.
Dennoch lässt sich gegen Ende des 18.Jahrhunderts und im beginnenden 19. Jahrhundert feststellen, dass sich neben der allmählich wachsenden Allerweltsmode beim bäuerlichen Volk eine selbstständige Art des Gewandes entwickelt hat, die von Ort zu Ort und von Landesteil zu Landesteil ihre Unterschiedlichkeit in Schnitt, Farbe und Gestaltung aufweisen konnte. Diese Eigenheiten waren auch im Brauchtum zu erkennen. In dieser Zeit sind die Trachten entstanden und zu einem Begriff geworden.

Dies gilt nicht nur für Bayern, sondern auch für andere Länder. Nicht ein Ort, sondern die Zeit ist die Wiege der Tracht.


Lehrer Vogl

Trotz ihrer Kleidsamkeit und Schönheit, welche in ihrer Art auch Veränderungen in Farbe und Schnitt und zweckmäßige Erneuerungen erlaubte, hielt die Tracht der Mode in der Mitte und zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht stand. König Maximilian II., welcher auf seinen Reisen durch Bayern die Schönheiten der Trachten kennengelernt hatte, versuchte 1853 in einem Aufruf, nochmals auf die Gesinnung und Freiwilligkeit Einfluss zu nehmen, als er in einem Erlass forderte, anstelle von modischer Kleidung die Tracht zu tragen und damit vor allem von den Gemeinden, von den Lehrern und Geistlichen die notwendige Einwirkung auf die jüngere Bevölkerung erwartete. So sollten in den Rathäusern Abbildungen von Trachten aufgehängt werden und die Jugend sollte bei Erstkommunion, Konfirmation, Wallfahrten, Schulprüfungen und Preisverteilungen in Tracht erscheinen. Selbst die Vergabe von Trachten oder Einzelteilen an die ärmere Bevölkerung waren in diesem Plan mit eingeschlossen. Obwohl er über Jahre hinweg eine wahre Begeisterung erreichte und jährliche Berichte über die Ergebnisse einforderte, den Widerstand hoher Staatsbeamter des Finanzministeriums in Kauf nahm, so gelang es doch nicht, in die breite Bevölkerung einzudringen. Nach dem plötzlichen Tode von König Maximilian II. 1864 blieb es auch bei seinem Nachfolger Ludwig II. üblich, dass man die begründete Tradition fortführte und in Tracht korrekt gekleidet am Hofe erscheinen konnte. Diese Einstellung hat sich bei den Wittelsbachern bis heute nicht verändert.

Innerhalb von 7 Jahren sind es bereits so viele, dass sich davon 15 Vereine entschlossen haben, beim ersten Fest des neugegründeten „Gauverband I“ 1891 in Feilnbach teilzunehmen. Ab diesem Zeitpunkt kann man sagen, dass eine Trachtenbewegung entstanden ist. Die nachfolgenden Jahre bis zur Unterbrechung durch den 1. Weltkrieg und die Zeit danach zeigt, trotz Arbeitslosigkeit und Inflation, dass der Gedanke, der Wunsch und das Bestreben, die Trachten zu erhalten in Bayern nicht mehr aufzuhalten war. Das ganze Land von Berchtesgaden bis Lindau, von Passau bis Ulm und Bayrischzell bis Würzburg war ergriffen davon.
Der erste Versuch 1908, die bereits bestehenden 5 Gauverbände zu einem gemeinsamen Verband zusammenzuschließen, ist leider gescheitert.
Erst am 25. Oktober 1925 konnte man in München mit 10 Gauverbänden die große bayerische Dachorganisation der Trachtenbewegung gründen. Weitere Gauverbände mit Vereinen aus Schwaben, Franken, der Oberpfalz und Niederbayern schlossen sich in den nachfolgenden Jahren an.



Mit der Erhaltung der kurzen Lederhose, welche 1883 am Stammtisch in Bayrischzell von Lehrer Vogl als „kleidsame Tracht“ bezeichnet wurde, hat es angefangen, dass die Trachtenvereine mit ihren Mitgliedern heute der Grundstock unserer Trachtenbewegung sind, in den Gemeinden eine kulturelle Bedeutung haben, die Trachten als Farbtupfer unserer bayerischen Landschaft bezeichnet werden können und die Vereine selbst hinsichtlich ihres Aufgabenbereiches ein wesentliches Glied unserer Gesellschaft sind.

„Tracht braucht Gemeinschaft“: so ist es die sinnvolle Aufgabe der Gauverbände, diese Gemeinschaft über Gaugrenzen hinweg zu pflegen. Darin haben die Gaufeste ihre Bedeutung. „Die Tracht lebt“, sie entwickelt sich fort, aber nicht im Tempo einer Mode oder zum Zweck voller Kassen, nein, behutsam, wohlüberlegt und stets darauf achtend: „Das Herz darf es nicht kosten“. Hilfe und Unterstützung geben die Gauverbände. Sie sind aber auch die Wächter, wenn es darum geht, Tracht und Brauchtum zu bewahren und zu verteidigen. Zur Erhaltung dieser Kulturgüter sind Freiräume erforderlich. Der Bayerische Trachtenverband war in seiner Geschichte immer darum bemüht und bereit, diese Freiräume für den Bestand der Trachten, des Brauchtums und für die Entwicklung der Trachtenvereine sachpolitisch einzufordern. Dies wird auch in der Zukunft so geschehen. In dieser Hinsicht ist der Zusammenhalt Aller immer erforderlich. Die Kameradschaft ist das Bindeglied. Sie ist die Grundlage für eine offene Gesprächsbereitschaft innerhalb des Bayerischen Trachtenverbandes, aber auch zur Öffentlichkeit, zu den Behörden, zur „Obrigkeit“ des Landes, zum Nachbarn, zu den Gleichgesinnten in Bayern, Deutschland, Europa und den Kameraden in Nordamerika.

„Treu dem guten alten Brauch“

 

Auszüge aus einer zeitgeschichtlichen Betrachtung von Hans Zapf , Ehrenvorsitzender des Bayerischen Trachtenverbandes



Festzug beim Gaufest 2003 in Übersee